Interview

„Unternehmen sollten Fördergelder als Geschenk sehen“ 

Zahlreiche Existenzgründer aber auch etablierte Unternehmen schöpfen die Möglichkeiten öffentlicher Fördermittel nicht aus. Eine vertane Chance, sagt Jadranka Lux. Denn wer Fördermittel nutzt, stärkt die finanzielle Basis seines Unternehmens und sorgt damit für Krisenzeiten vor. Wären da nicht die Hemmungen, die viele Unternehmer haben…  

Im Interview erklärt die langjährige Unternehmens- und Fördermittelberaterin, wieso viele Unternehmen zaudern, warum sie mit ihren Befürchtungen falsch liegen und wie sie stattdessen vorgehen sollten.   

Frau Lux, erst kürzlich hat wieder eine örtliche Kommune stolz verkündet, dass nicht alle Fördermittel abgerufen wurden. Ist das ein Zeichen von Stärke oder von Schwäche 

Jadranka Lux: Genau an diesem Beispiel zeigt sich das falsche Verständnis und die deutsche Kultur im Umgang mit Fördermitteln. Viele sind stolz darauf, dass sie keine Förderung nötig haben, im Sinne von: „Ich brauche keine staatliche Unterstützung. Ich schaffe das alleine“. Unternehmer sind selbstbewusst und wollen unabhängig sein – und das ist auch gut so. Trotzdem sollte man geschickter und strategischer vorgehen und nicht aus dem Bauch heraus Fördermittel ablehnen. Mit Bedürftigkeit à la Hartz Vier hat das nichts zu tun.  

Was meinen Sie mit strategischem Vorgehen 

Lux: Manche Unternehmen lehnen heute noch Fördermittel ab. Sechs Monate später kommt dann die nächste Finanz- oder Eurokrise und ihr Geschäft bricht ein. In solchen Situationen zeigt sich schnell, ob man genug finanzielle Rücklagen hat. Und genau diese Rücklagen bildet man, wenn man Fördermittel abschöpft. Ein Beispiel: Viele Fördermittelgeber beteiligen sich an Investitionen. So gibt ein Unternehmen deutlich weniger für eine Investition aus – und genau dieses Geld rettet die Firma später.  

Unternehmen sollten Fördermittel als ein Geschenk sehen! Abgesehen davon: Wenn EU-Gelder nicht abgerufen werden, gehen sie zurück in einen großen Topf und gehen im nächsten Jahr an ein anderes Land. Dann profitieren die Wettbewerber aus den Nachbarländern davon. Die nehmen das Geld mit Kusshand.

Die EU ist nicht gerade für eine schlanke Bürokratie bekannt. Binde ich mir da nicht Probleme ans Bein, wenn ich dort Fördermittel beantrage?  

Lux: Natürlich besteht ein Aufwand, Fördermittel zu beantragen. Aber letzten Endes kann man ja gegenrechnen, wie viel Aufwand es macht und wie viel Geld man geschenkt bekommt. Wer den Aufwand niedrig halten will, sollte sich jemanden suchen, der ihn dabei berät und unterstützt.  

Fördermittel zu beantragen ist kein Dauerjob. In den Unternehmen gibt es in der Regel keine Person, die sich wirklich mit dem Thema auskennt. Deswegen macht es Sinn, einen Fördermittelberater mit ins Boot zu holen. Häufig liegt der Schritt sogar noch davor, das Thema überhaupt auf die Agenda zu setzen und gezielt passende Fördermitteltöpfe ins Visier zu nehmen.  

Sie beraten viele Unternehmen bei der Fördermittelsuche und –beantragung. Wann sollte ein Firmenchef bei Ihnen anklopfen?  

Lux: Meiner Meinung nach ist es ein strategisches Thema, mit dem man sich grundsätzlich auseinandersetzen sollte. Gerade im Mittelstand wissen viele Geschäftsführer nicht, welche Fördermittelprogramme es überhaupt gibt. Die Fördermittel-Landschaft ist sehr unübersichtlich. Wenn man aber von Anfang an weiß, für welches Projekt man welche Fördermittel akquirieren kann, kann man ganz anders kalkulieren.  

Um es an einem Beispiel zu erklären: Auf einmal rechnet sich die Entwicklung eines neuen Produktes, weil die Mitarbeiter über ein spezielles Programm bezahlt werden, das Innovationen unterstützt. So können die Mitarbeiter vom Chef verlustfrei abgestellt werden. Drei Jahre später trägt das Produkt dazu bei, dass das Unternehmen Marktführer wird. Solche Erfolgsgeschichten schreiben Unternehmen, die offen für Fördermittel sind. 

Auch nach hinten raus in der Abwicklung, also im Beantragungsprozess, kann ein Fördermittelberater für viel Entlastung sorgen. Ich habe unter anderem Vorlagen und andere Ausfüllhilfen entwickelt. Außerdem kennt man die Fördermittel-Institutionen und ihre speziellen Bedürfnisse und Abläufe. Das entlastet die festangestellten Personen im Unternehmen. Und nicht selten wird die Beratung selbst ebenfalls finanziell gefördert.  

Sie haben vorhin gesagt: Wenn wir die Fördermittel nicht abrufen, machen es die Marktbegleiter in den Nachbarländern. Wie gehen denn unsere Nachbarländer mit dem Thema Fördermittel um?  

Lux: Kürzlich habe ich mich mit einem polnischen Unternehmer unterhalten. In Polen gibt es „Fördermittel beantragen“ als Schulfach! Dort gibt es keine Hemmungen. Es wird einfach gemacht und als Selbstverständlichkeit angesehen. So sollte es in Deutschland auch sein. Dann geht es uns in zehn oder zwanzig Jahren auch noch so gut wie heute.